Luftseilbahn Cry d'Er - Bella Lui, TCB

Luftseilbahn im Herbst 2009 abgebrochen.

 

Schon frh wurde erkannt, dass am Mont Lachaux oberhalb der weltbekannten Walliser Kurorte Montana und Crans ausgezeichnete Verhltnisse fr den Skisport herrschen und so erstaunt es nicht, dass bereits im Jahre 1924 mit den ersten zwei Schlittenseilbahnen der Schweiz der Startschuss fr die mechanische Erschliessung dieses Gebietes gegeben wurde. Richtig los ging es dann ab 1950, als in Crans die erste Gondelbahn der Schweiz ihren Betrieb aufnahm. Die Maschinenfabrik Bell in Kriens baute hier eine eigentliche Pionieranlage nach dem Zweiseil-Prinzip, das seinen Ursprug in frhen Industrieseilbahnen hatte und vom sterreichischen Ingenieur Georg Wallmannsberger perfektioniert wurde. Die zwei Sektionen umfassende Gondelbahn endigte auf der Anhhe Cry d'Er, womit bereits eine Flle von variantenreichen Talabfahrten erschlossen werden konnten.

Bereits ein Jahr spter kam eine dritte Bahnsektion hinzu, die ihre Bergstation auf dem Aussichtspunkt Bella Lui auf einer Meereshhe von 2543 Metern hatte. Auch bei dieser Bergbahn wurde Pionierarbeit geleistet: Die Firma Oehler aus Aarau verwirklichte zum ersten Mal in der Schweiz eine Vierergondelbahn mit nur einem einzigen Frderseil. Speziell war das Funktionsprinzip: Damit die Gondeln im Stillstand bestiegen und verlassen werden konnten, kuppelten sie in den Stationen vom Gehnge ber dem Kabinendach ab. Die Gehnge ihrerseits waren fest mit dem Seil verbunden und befanden sich demnach stndig im Umlauf. Doch schon bald stellte sich heraus, dass dieses an sich clevere System mit Mngeln behaftet war und sich der Betrieb und Unterhalt als sehr umstndlich erwies. Zudem waren einzelne Zwischensttzen zu schwach dimensioniert und mussten bereits zwei Jahre nach der Betriebsaufnahme verstrkt werden.

Diese Grnde fhrten schliesslich dazu, dass man sich zu einem kompletten Neubau der dritten Sektion Cry d'Er-Bella Lui entschloss. Anstelle der Gondelbahn trat im Jahre 1968 eine Grosskabinen-Pendelbahn, die von der Maschinenfabrik Bell in Kriens erbaut wurde. Die neue Anlage wurde wenige Meter stlich der bestehenden Gondelbahn erstellt, wobei die Bergstation etwas weiter unten direkt neben das Berggasthaus zu liegen kam. Die Luftseilbahn Cry d'Er-Bella Lui darf als konventionelle Pendelbahn bezeichnet werden mit einem elektrischen Antrieb in der Bergstation und den Seilspannvorrichtungen in der Talstation. Als Streckenbauwerke wurden zwei Zwischensttzen in Fachwerkbauweise ntig. Erwhnenswert sind die Kabinenlaufwerke, die mit Schnellschlussbremsen der Bauart Bell ausgerstet sind. Die hydraulisch gelfteten Bremsbacken, die ihre Bremsenergie aus vorgespannten Arbeitsfedern beziehen, erzeugen im Falle eines Seilbruches differenzierte Bremskrfte, die abhngig von der jeweiligen Fahrbahnneigung sind. Erreicht wird dies mit einem Drosselventil, welches durch eine Kurvenscheibe am Gehngedrehzapfen gesteuert wird. Bei grossen Steigungen wird dadurch der Hchstwert der Bremskraft schneller erreicht als bei geringen Steigungen. Zustzlich wird unterschieden, ob die Bremsauslsung auf der Gegenseil- oder auf der Zugseilseite erfolgt. Auf der Zugseilseite wird die Bremskraft im Falle eines Seilbruches sofort stark erhht, whrend eine Auslsung auf der Gegenseilseite einen langsameren Bremskraftanstieg zur Folge hat. Alle diese Massnahmen dienen dazu, eine Kabine im Katastrophenfall sicher und mglichst schnell abzubremsen, ohne dass aber unzulssig hohe Verzgerungen auftreten, die bermssige Beanspruchungen am Fahrzeug, Seilentgleisungen auf den Sttzen oder Seilberschlge zur Folge htten.

Die Luftseilbahn Cry d'Er-Bella Lui war das letzte verbliebene Exemplar in der Schweiz der nicht gerade zahlreich gebauten Personen-Pendelbahnen, die auf das Konto der einstigen Maschinenfabrik Bell in Kriens gehen. Durch die weitgehend unvernderte Bausubstanz der Anlage durfte sie sicher als Raritt unter den schweizerischen Seilbahnen bezeichnet werden. Im Jahr 2009 wurde sie leider abgebrochen.

Technische Daten der Luftseilbahn Cry d'Er - Bella Lui:

 Inbetriebnahme  1968
 Ausserbetriebsetzung  2009
 Erbaut durch  Maschinenfabrik Bell, Kriens
 Elektrischer Teil  Maschinenfabrik Oerlikon, Zrich
 Fahrbahnlnge  1300 m
 Hhe Talstation  2264 m..M.
 Hhe Bergstation  2527 m..M.
 Hhendifferenz  263 m
 Grsste Neigung  39,1 %
 Grsste Spannweite  644 m
 Anzahl Sttzen  2
  Tragseile  36 mm (2 pro Fahrbahn)
  Zugseil  23 mm
 Kabinen  2 60 Pers. von Mtallger SA, Sierre
 Fahrzeug-Leergewicht  2766 kg
 Fahrgeschwindigkeit  max. 8 m/Sek.
 Frderleistung  630 Pers./h
 Antrieb  Gleichstrom, Ward-Leonard

 

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Abb.1+2: Die Talstation auf Cry d'Er. Bei den etwas klotzigen Gebuden berwiegt den Sechzigerjahren entsprechend der Sichtbeton. Die Tragseile sind noch nicht wie heute allgemein blich auf Einfahrstteln abgesttzt. Abb.3+4: Vier Umlenkscheiben fr die Spannseile der Tragseilabspannung und total fnf Scheiben fr das zweifach eingescherte Gegenseil sind im Spannraum der Talstation zu finden. Abb.5: Der Spannweg ist sehr kurz. Im Winter blst der Wind den Schnee bis in den Spannschacht hinein!

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Abb.6: Blick von Cry d'Er aus auf die Strecke der Luftseilbahn. Es dominiert die von weitem sichtbare Sttze Nr.1. Abb.7: Kabine bei der Talstation mit Blick in sdstlicher Richtung. Abb.8: Ebenfalls kurz nach der Stationsausfahrt strebt die Kabine gegen Bella Lui zu. Die Spitze im Hintergrund ist der Trubelstock, dahinter liegt Leukerbad. Abb.9-12: Ein imposantes Bauwerk ist die Sttze Nr.1 knapp unterhalb der Streckenmitte. Durch die filigrane Fachwerkkonstruktion wirkt der Mast fast ein wenig zerbrechlich. Abb.13: Blick gegen Sden mit den Stationen Cry d'Er und Chetseron. Bei klarem Wetter sind von hier aus die Viertausender Grand Combin und Mont Blanc sichtbar. Abb.14: Blick gegen Westen. Unter der Kabine ist die vergletscherte Spitze des Wildhorns und der Lac de Tseuzier zu sehen.

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Abb.15-19: Die zweite Sttze kurz vor der Bergstation ist von der gleichen Konstruktion wie Mast Nr.1, allerdings in der Hhe um einiges geringer. Abb.20: Dieses Foto aus der Anfangszeit der Luftseilbahn wurde vom gleichen Standort aus aufgenommen wie Bild 19. Auffallend die roten Masten mit dem noch rohen Rostschutzanstrich. Die Kabinen hatten damals noch A-frmige, geschweisste Gehnge. Aufgrund von Korrosionserscheinungen an den Schweissnhten und als Folge eines Zwischenfalls in Saas Fee mit gleichartigen Gehngen wurden sie Anfangs der Achtzigerjahre durch Fachwerkkonstruktionen ersetzt. Auf dem Bild ebenfalls noch knapp zu erkennen sind die Sttzen der alten Oehler-Gondelbahn. Abb.21+22: Die formschnen Kabinen und die Gehnge lieferte die in Sierre ansssige Firma Mtallger SA (seit 1998 nicht mehr bestehend).

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Abb.23: Einfahrende Kabine in die Bergstation. Abb.24+25: Die Bergstation ist im gleichen Stil wie die Talstation gehalten und war ursprnglich als Umsteigestation zu einer weiteren Sektion zum Plaine Morte konzipiert. Auch hier fehlen Einfahrsttel, und die Wartungsplattformen sind wie in der Talstation als Betonbalkone ausgefhrt. Abb.26+27: Kabinen in den Einfahrbuchten der Bergstation. Um Personal einzusparen, ist whrend der Sommersaison jeweils nur eine Kabine durch einen Fhrer besetzt und fr die Fahrgste zugnglich. Abb.28+29: Die recht aufwndigen, 16-rolligen Kabinenlaufwerke der Bauart Bell mit neigungsabhngigem Bremskraftverlauf. Links vom Gehngezapfen sind die Bremsbacken zu erkennen.

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Abb.30: Ansicht des Seilbahnantriebs mit der Trieb- und der Gegenscheibe. Wegen der geringen Steigung der Bahn gengt hier eine einfache Umschlingung ohne Seilkreuzung. Abb.31+32: Die Antriebseinheit mit der zweirilligen Triebscheibe im Detail. Zwischen dem fremdventilierten Gleichstrommotor und der Seilscheibe ist ein Kissling-Getriebe dazwischengeschaltet. Der rote Balken auf der Scheibe ist der berdrehzalschalter. Abb.33: Der Hilfsantrieb. Die Kraft des Benzin-Hilfsmotors wirkt ber ein Rizel und einen Kettentrieb direkt auf die Welle des Hauptmotors. Zwischen Hauptmotor und Getriebe ist die Betriebsbremse zu erkennen. Abb.34+35: In der Seilkammer der Bergstation. Die Tragseile sind um zwei bereinander liegende, ovale Poller geschlungen und durch eine aufgeschraubte Seilmuffe gesichert. Auf den Pollern sind die blauen Haspel mit der Seilreserve zu erkennen. Alle 12 Jahre mssen die Seile um etwa 20 Meter nachgelassen werden, damit auf den Tragseilschuhen der Sttzen nicht immer derselbe Seilabschnitt belastet wird. Abb.36: Schilder der ausfhrenden Firmen Bell und Oerlikon in der Wagenhalle der Bergstation.

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Abb.37: Das Foto aus den Fnfzigerjahren zeigt eine Kabine der alten Oehler-Gondelbahn vor dem Berggasthaus auf Bella Lui. Deutlich ist in der Mitte des Gehnges die spezielle Kupplung zu erkennen, durch die sich die Gondel in den Stationen von der fest mit dem Seil verbundenen Klemme lsen konnte. Abb.38: Von dieser Gondelbahn ist die Bergstation auf Bella Lui erhalten geblieben. Vergleiche die Architektur dieses Gebudes mit derjenigen der Stationen der heutigen Luftseilbahn! Abb.39: Von der ehemaligen Oehler-Anlage sind auch noch diverse Sttzenfundamente zu finden, hier etwas oberhalb von Cry d'Er. Abb.40: Die Jahreszahl an diesem zustzlichen Fundament weist auf die nachtrgliche Verstrkung der Gondelbahnmasten (gebaut 1951) hin.

Abbildungen: Nr.3, 4, 5, 30-35: Adrian Deck, Zrich. Nr.1, 2, 6-28, 36, 38-40: C. Gentil. Nr.20: Sammlung J. Schuler. Nr.29: Skizze Bell.

Mein Dank geht an Adrian Deck aus Zrich, der die Fotos von der Technik und wertvolle Hinweise beigesteuert und damit diesen Beitrag ermglicht hat!

Infos der Bergbahnen von Crans Montana: http://www.mycma.ch


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