Sesselbahn Braunwald - Kleiner Gumen

 

Historische Sesselbahn abgebrochen. Neue Kombibahn seit Dezember 2007 in Betrieb.

 
Die einst älteste Sesselbahn der Schweiz führte von Braunwald auf den Kleinen Gumen am Fusse der Eggstöcke. Das autofreie Braunwald, das auf einer Sonnenterrasse hoch über dem Talboden der Linth im Kanton Glarus liegt, ist seit dem 6. August 1907 durch eine Standseilbahn von Linthal aus erschlossen. Schon früh wurde dieser Höhenkurort von Erholungssuchenden wie von Sportfreunden aus aller Welt besucht. Da das Gebiet oberhalb von Braunwald zu Touren und Wanderungen lockte, wurde in den 30er-Jahren an eine Fortsetzung der Standseilbahn oder an eine Schwebebahn zum Ortstockhaus gedacht. Zur Ausführung kam aber vorerst lediglich eine Schlittenseilbahn nach Grotzenbüel, die 1936 eröffnet wurde. Die Abwertung des Frankens und der zweite Weltkrieg führten dazu, dass weitere Erschliessungspläne zurückgestellt werden mussten. Nach dem Krieg reifte das Projekt einer Sesselbahn auf den Kleinen Gumen mit einer dazugehörenden neu zu erstellenden Skiabfahrt. Am 2. November 1946 stimmte der Verwaltungsrat der Braunwaldbahnen dem Vorhaben einstimmig zu, so dass in der ersten Hälfte des Jahres 1947 mit dem Bau begonnen werden konnte. Die Betriebseröffnung fand am 1. Januar 1948 statt. Der Antrieb der Bahn befand sich in der Talstation, die Spannvorrichtung in der Bergstation. Kettenfördereinrichtungen fehlten hier sowohl in der Tal- wie auch in der Bergstation, so dass sich diese Anlage praktisch noch im Ursprungszustand von 1948 präsentierte. Die Sessel mussten demnach vom Betriebspersonal noch von Hand zur Startstelle verschoben werden. Aufgrund der abgelaufenen Konzession musste der Bahnbetrieb am 3. April 2005 leider eingestellt werden, obwohl vorerst noch kein Neubau realisiert werden konnte.

Historische Bilder vom Bau der Sesselbahn Braunwald-Kleiner Gumen.

 

Technische Daten der Sesselbahn Braunwald - Kleiner Gumen:

 Inbetriebnahme  01. Januar 1948
 Ausserbetriebsetzung  03. April 2005
 Erbaut durch  Von Roll, Werk Bern
 Fahrbahnlänge  2084 m
 Grösste Sehnenneigung  66,7 %
 Höhe Talstation  1314 m.ü.M.
 Höhe Bergstation  1904 m.ü.M.
 Höhendifferenz  590 m
 Anzahl Stützen  23
 Grösste Spannweite  163 m
 ø Förderseil  24,5 mm
 Anzahl Doppelsessel  86
 Fahrgeschwindigkeit  2,5 - 3,0 m/sec.
 Förderleistung  420 Pers./h

 

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Abb.1: Das Gebäude der Talstation in rustikalem Baustil. Abb.2: Antriebsgruppe mit zweirilliger Treibscheibe und dem Gegenrad für doppelte Seilumschlingung. Abb.3: Antriebsgruppe von der Ausfahrseite gesehen. Zu erkennen sind die schräge Beschleunigungsstrecke und die Kuppelstelle. Abb.4: Sessel bereit zur Abfahrt. Abb.5: Die Antriebskonstruktion mit ihren Hängebahnschienen aus ungewohnter Perspektive gesehen. Abb.6: Remisierte Sessel in der Talstation warten auf ihren Einsatz. Abb.7: Blick ins Ersatzteillager mit der angegliederten Werkstatt. Im Vordergrund ist eine Güterbarelle zu sehen, die für Materialtransporte verwendet wird.

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Abb.8: Wie bei der Sesselbahn Gstaad-Wasserngrat waren zeitweise auch hier einzelne Gangloff-Kabinen für zwei Personen im Einsatz. Gedacht waren sie für den Betrieb bei schlechtem Wetter oder für ängstliche Fahrgäste, die eine geschlossene Gondel bevorzugten. Zwei dieser Kabinen sind immer noch vorhanden, dürfen aber aus Gewichtsgründen nicht mehr benutzt werden. Abb.9+10: Ausfahrende Sessel aus der Talstation. Abb.11-13: Stütze Nr.1 unmittelbar nach der Talstation. Abb.14: Wesentlich grösser als das eigentliche Stationsgebäude ist der markante Querbau, der das Sesselmagazin, ein Ersatzteillager und die Werkstatt beherbergt. Im Hintergrund über dem Stationsgebäude ist der Selbsanft zu erkennen.

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Abb.15: Auf der Bergfahrt. Abb.16: Die Form der Stützen weicht gegenüber derjenigen der meisten anderen Von Roll-Sesselbahnen geringfügig ab. Lediglich bei der Bahn in Flims war diese einfachere Bauart auch noch anzutreffen. Abb.17: Ein Doppelmast mit Stütz- und Niederhaltefunktion, oft auch als "Rösslisprung" bezeichnet. In solchen Fällen kommen heute bei modernen Bahnen Einfachstützen mit Wechsellast-Rollenbatterien zum Einsatz. Im Hintergrund der "Hausberg" von Braunwald, der 2717 m hohe Ortstock. Abb.18: Im Steilhang, wo die maximale Neigung von 66,7% erreicht wird. Abb.19: Je höher man kommt, desto mehr öffnet sich ein grossartiges Panorama auf die Glarner Alpen. Abb.20: Nach dem Steilhang wird der Blick frei auf die Eggstöcke, die bei Freizeitkletterern sehr beliebt sind. Abb.21: Gemütliches Dahingleiten auf den überdachten Stahlrohrsesseln, während dessen das Panorama bewundert werden kann!

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Abb.22: Diese Stütze hatte früher den Übernamen "Nidelbock", da hier von den Sennen der Alp Gumen die frische Milch auf die Sesselbahn umgeladen und zu Tal geführt wurde. Abb.23+24: Dieser speziell konstruierte Niederhaltemast diente früher nicht nur der Sesselbahn, sondern auch einer Materialseilbahn, welche die Alp Gumen mit Grotzenbühl verband und an dieser Stelle über die Sesselbahn führte. Abb.25: Sesselbahn mit dem markanten Tödi (3614 m.ü.M.), einem Grenzberg zum Kanton Graubünden. Abb.26: Noch vor der Bergstation wird die Baumgrenze erreicht. Abb.27+28: Die letzte Streckenstütze vor der Bergstation.

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Abb.29: Sesselbahn mit dem Ortstock. Abb.30: Blick in das Durnachtal mit seinen Bachverbauungen, im Hintergrund der Hausstock. Abb.31: Der typische Von Roll-Zweiersessel in Stahlrohrbauweise mit den Holzlattensitzen und seinem Schutzdach. Abb.32: Die Bergstation liegt auf einem sonnigen Plateau direkt unter den Eggstöcken. Abb.33+34: Einfahrt in die Bergstation mit dem Doppelmast, der die Fahrbahn von der Steigung in die Horizontale verbringt.

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Abb.35+36: Nochmals der Doppelmast vor der Bergstation. Wie die übrigen Streckenstützen ist auch dieser Mast in der bewährten Profileisen-Konstruktion gehalten. Abb.37: Deutlich wird hier die Beschleunigung des Sessels bei der Ausfahrt sichtbar. Abb.38: Der Seilablenkwinkel bedingt eine stattliche Rollenbatterie an der Stütze nach der Stationsausfahrt. Abb.39: Blick aus der Bergstation mit dem vorgelagerten Doppelmast. Eben hat ein leerer Sessel die Station verlassen. Abb.40: Ansicht vom Innern der Bergstation mit der Seilumlenkscheibe, die auf einem Schlitten gelagert ist. Ein in einem Schacht frei bewegliches Spanngewicht ist mit diesem Schlitten über Spannseile verbunden, so dass das Förderseil der Bahn immer mit der nötigen Kraft gespannt bleibt. Abb.41: Ein- und Ausgang zur Bergstation. Abb.42+43: Eine der ursprünglich vorhandenen Gangloff-Gondeln bei der Einfahrt in die Talstation. Ein Bild aus vergangenen Zeiten?


 

Eine Zukunft für die Gumen-Sesselbahn?

Das Projekt einer Neuerschliessung des Gumens verzögerte sich, da die notwendigen Finanzmittel nicht innert nützlicher Frist aufgebracht werden konnten. Somit war die ursprünglich geplante 6er-Gondelbahn an Stelle der alten Sesselbahn vorerst unrealisierbar geworden. Aus diesem Grund wurde die Sesselbahn noch nicht abgebrochen, da man sich vom BAV für den Winter 2005/06 nochmals eine ausnahmsweise Betriebsbewilligung erhoffte. Die damit gewonnene Zeit sollte genutzt werden, um das Neubauprojekt zu optimieren und die Geldbeschaffung weiter voranzutreiben. Durch die komplette Neustrukturierung der Braunwaldbahnen AG trat aber eine erneute Verzögerung in Sachen Gumenbahn-Projekt ein, so dass auch weiterhin nichts über die Zukunft am Gumen bekannt wurde.

Die erhoffte provisorische Betriebsbewilligung für die Sesselbahn wurde durch das BAV leider nicht erteilt, da kein neuer Sicherheitsnachweis in so kurzer Zeit erbracht werden konnte. In der Zwischenzeit aber wurde von einigen Einwohnern von Braunwald erkannt, dass mit einem allfälligen Abbruch der alten Quersitzsesselbahn ein einzigartiges Technikdenkmal und ein wichtiger Anziehungspunkt für Gäste verloren ginge. Es wurde deshalb der Verein "Geschichte und Zukunft von Braunwald" gegründet mit dem Ziel, die altehrwürdige Gumen-Sesselbahn zu erhalten und als Museumsbahn weiter zu betreiben. Von derartigen Plänen hielt man in den Büroetagen des BAV in Bern aber offenbar nichts, denn dort stellte man sich hinter die Tatsache, dass die geltenden Vorschriften für alle Seilbahnen gleichermassen Gültigkeit hätten und der Begriff "Museumsbahn" unbekannt sei. Das Problem einer Seilbahn wie am Gumen ist, dass sie das ganze Jahr über praktisch täglich in Betrieb sein wird und aus diesem Grund die gleichen Auflagen wie alle anderen Bahnen auch erfüllen muss. Um die aktuell gültigen Vorschriften einzuhalten, hätte die Gumenbahn aber derart stark umgebaut werden müssen, dass von der historischen Bausubstanz kaum mehr etwas übrig geblieben wäre, was einen Erhalt der alten Anlage natürlich wenig sinnvoll gemacht hätte.

2006 sind in Braunwald die Würfel endgültig gefallen: Die alte Gumen-Sesselbahn wurde im Frühjahr 2007 abgebrochen und an ihrer Stelle auf gleicher Trasse eine moderne Kombibahn erstellt. Kombibahn deshalb, weil hier neben den üblichen Vierergondeln auch Zweiersessel in Seitwärtsanordnung verkehren! Damit soll etwas vom Geist der alten Bahn auf die neue Anlage übertragen werden.



Das Ende der historischen Gumen-Sesselbahn

Nachdem nun ein Neubau der Gumenbahn auf der bestehenden Trasse feststand, konnte nach zweijährigem Stillstand der alten Sesselbahn im Mai 2007 mit ihrem Abbruch begonnen werden. Die Gründe, warum eine neue Bahn gebaut werden muss, sind hinlänglich bekannt, und trotzdem darf beim Betrachten der kläglichen Sesselbahntrümmer die Frage gestellt werden, ob der Verlust dieser historischen Anlage tatsächlich nicht abzuwenden war. Gibt es in unserer heutigen Zeit wirklich keine Möglichkeit, wertvolle technische Kulturgüter -auch wenn es sich um Seilbahnen handelt- der Nachwelt zu erhalten?

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Abb.44+45: 25. Mai 2007: Als erstes wird dem Gebäude der Talstation zu Leibe gerückt. Die Fassadenverkleidungen und das Dach im Bereich der Werkstatt und des Sesselmagazins wurden entfernt. Abb.46: Durch die unverkleidete Holzkonstruktion werden ungewohnte Einblicke in die Station möglich. Abb.47: Ganz andere Lichtverhältnisse herrschen jetzt in der einst eher dunklen Stationshalle. Abb.48: Blick in das tageslichtdurchflutete Sesselmagazin. Der grösste Teil des Fahrzeugparkes wurde bereits abtransportiert und so warten nun noch die letzten Sessel darauf, von den Schienen abgehoben und in eine Lagerhalle im Tal gebracht zu werden.     

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Abb.49: Zwei Wochen später, am 8. Juni 2007, präsentiert sich die Situation schon völlig anders: Das Seil wurde eingeholt und von der einstigen Talstation zeugen nur noch einige gemauerten Wände. Noch intakt steht die Antriebseinheit auf ihrem Fundament auf ziemlich verlorenem Posten. Abb.50: Ohne das stabilisierende Seil sind die Wippen der Rollenbatterien aus ihrer Normallage gekippt. Abb.51: Die komplette Antriebseinheit zeigt sich nun ungewohnt entblösst. Abb.52: Im Vordergrund der frühere Werkstatt- und Lagerbereich. Noch liegen einzelne Ersatzkupplungen herum. Abb.53: Bereits viel Schrott hat der Abbruch des Sesselmagazins ergeben. Abb.54: Nochmals die Antriebseinheit mit Blick auf die frühere Strecke.

Weitere Bilder der Gumenbahn und vom Abbruch auf der Homepage von Jakob Schuler

Fotos 1 - 54: C. Gentil, 42 + 43: Archiv Jakob Schuler.


Die neue Gumenbahn

Seit Dezember 2007 ist die neue Kombibahn Braunwald-Kleiner Gumen in Betrieb. Erbaut wurde die Anlage von der bekannten Firma Garaventa aus Goldau. Die alte, zum Bergrestaurant Gumen passende Bergstation konnte angepasst weiter verwendet und die Errichtung einer hässlichen Fertigelementstation somit vermieden werden. Nur die Talstation musste neu gebaut werden. Laut Bauherrschaft wurde dabei aber Wert auf eine architektonisch anspruchsvolle Ausführung gelegt, die dem Ortsbild von Braunwald angemessen ist. Leider konnte man sich nicht dazu entschliessen, anstelle der heute üblichen, hässlich klobigen Normstützen in Rohrbauweise wieder auf zierlichere Fachwerkmasten zu setzen. Eine deutlich bessere Integration der neuen Anlage in die Landschaft wäre der Gegenwert für diese zusätzliche Massnahme gewesen!

Technische Daten der neuen Gumenbahn:

 Erbaut durch  Garaventa AG Goldau
 Inbetriebnahme  Dezember 2007
 Fahrbahnlänge  2031,64 m
 Maximale Seilneigung  83,11 %
 Höhenunterschied  590,63 m
 Anzahl Stützen  19
 ø Förderseil  43 mm
 Anzahl Fahrzeuge  84 (21 Vierergondeln, 63 Zweiersessel)
 Max. Fahrgeschwindigkeit  5,00 m/sec.
 Förderleistung  800 Pers./h
 Fahrzeit  7,85 Min.
 Antrieb  Talstation
 Spannung  Talstation
 Ausfahrseite  rechts

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Abb.55: Bei der Talstation. Durch die klobigen Rohrstützen dominiert die Bahn nun stark in der Landschaft. Immerhin wurde ein neues, holzverkleidetes Gebäude erstellt, womit eine dieser heutzutage üblichen, unästhetischen Pilzstation vermieden werden konnte. Abb.56-58: Die neue Gumenbahn, etwa in Streckenmitte. Das Haupterkennungsmerkmal der alten Bahn, die Seitwärtsanordnung der Sessel, wurde beibehalten. Bei den Zweiersesseln handelt es sich aber um Neukonstruktionen, die mit dem Design der alten Sessel nichts mehr gemeinsam haben. Abb.59: Eine Gondel nahe der Bergstation. Hier dominiert nach wie vor die prächtige Kulisse mit Tödi, Ortstock und Höch Turm. Abb.60-62: Die alte Bergstation konnte umgebaut weiter verwendet werden. Um mehr Volumen zu gewinnen, musste der Boden abgesenkt werden.

Fotos Nr. 55 - 62: C. Gentil

Infos zu den Braunwaldbahnen: http://www.braunwald.ch


Das Buch zum Thema: 75 Jahre Sportbahnen in Braunwald - Vom Funi-Schlitten zur Kombibahn

Herausgeber und Autor: Jakob Schuler, 2011


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